INTRO-GRAZ-SPECTION

INTRO-GRAZ-SPECTION

28,15,0,50,1
600,600,0,0,5000,1000,25,2000
90,300,0,50,12,25,50,1,70,12,1,50,1,0,1,5000
Kunstpreis der Stadt Graz 25. Februar 1999
Stadtrat Helmut Strobl, Christian Marczik bei der Preisverleihung
Kaprun 1989
Christian Marczik, Werner Schwab, Wolfgang Gärber, Gründung der Intro-Graz-Spection
Graz 1995
Intro-Graz-Spection, Die Vorstadt schlägt zurück, Performance Eva Ursprung
Graz 1997
Intro-Graz-Spection, Nuoc Mam Buam, Seitenwechsel
Graz 1998
Intro-Graz-Spection, Die Förster
Plakatwände, Graz 1998, Collage Ausschnitt
Intro-Graz-Spection, Nuoc Mam Dirndl'n, Die Gelbe Gefahr
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Laudatio Kunstpreis der Stadt Graz 1998

Die Intro Spection hat Graz in ihre Mitte genommen. Das freilich wäre noch lange kein Grund, der Gruppe heute den Kunstpreis der Landeshauptstadt, die in den letzten Jahren künstlerisch etwas ins Trudeln geraten ist, zu überreichen. Auch wenn uns die Logo-Kultur – oder besser – die Logo-Unkultur fest in den wirtschaftlichen, politischen und ästhetischen Klauen hält, muss immer deutlicher das Produkt, das mit dem Logo verbrämt wird, das Qualität, Dynamik oder Aufbruch signalisieren soll, im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Diese Forderung wird nicht vor dem Hintergrund des Werbezeitalters erhoben, soll schon gar nicht mit einem realen Seitenblick auf die virtuellen Oberflächen, die uns, je nach Gebrauch, Räume ebenso verschließen wie eröffnen, verknüpft sein – sie ist im Prinzip so alt wie die Kulturgeschichte der Menschheit. Und dennoch war die Einlösung dieser Forderung nie zuvor so schwierig und mühsam. Es kann, aber es muss nicht gleich vom Etikettenschwindel die Rede sein, wenn das Etikett, die Kategorisierung, das Festhalten an einmal geschaffenen Strukturen das gesellschaftliche, das kulturelle, das künstlerische Leben im gegenwärtigen Ausmaß bestimmen. In diesen Vorgängen spiegelt sich nicht mehr und nicht weniger als das internationale wie auch das heimische realpolitische Klima, das den Verkauf von Ideen den Ideen, die praktikable Kurzformel dem komplexen und langwierigen Arbeitsprozess, das Verwalten von Kultur und Kunst der Kultur und Kunst vorzieht. Viele rasche Hand-outs ersetzen das Konzept, tägliche Ankündigungen den Inhalt des Angekündigten. Auf vielen weiteren Ebenen ließe sich dieser gefährliche Paradigmenwechsel fortsetzen; auf lokaler Ebene stehen nicht nur trigon-Museum oder Kunsthaus für die Beweisführung.

Die Bedingungen und Mechanismen der Kunstproduktion haben in dieser Stadt und ihrem regionalen Umfeld seit dem Jahr 1960 eine wechselvollere Geschichte als in vergleichbaren urbanen Zentren. Es ist unschwer zu erraten, dass mit dieser Bilanz nicht in erster Linie stilistische Entwicklungen der Kunst gemeint sind, sehr wohl aber – nennen wir es einmal vage – die klimatischen Voraussetzungen. Man muss nicht komplizierte Konstruktionen errichten, um davon auszugehen zu können, dass Kulturpolitik mit den angeschlossenen Verwaltungs- und Vermittlungsinstitutionen für ein beständiges wie für ein schwankendes Klima verantwortlich sind. Milde Sommer und strenge Winter kennzeichnen die kunstgeografische Wetterlage der Steiermark. Wie sonst hätte das Forum Stadtpark entstehen können, wie sonst der medientheoretische und -praktische Diskurs, der seit dem Beginn der siebziger Jahre hier in Graz auf einen besonders fruchtbaren Boden gefallen war, ein Vierteljahrhundert lang offiziell aus den Räumen der Neuen Galerie ausgesperrt werden können. Nicht dass das Museum die einzige Werteskala im Bereich des Systems Kunst darstellt – aber die Medienkunst wurde schlicht und einfach vor die Tür gesetzt. Hier draußen war noch immer genügend Platz für eine Kunst, die sich der Tradition des Kunstprodukts und des Künstlerbildes verweigerte und an deren Stelle den prozesshaften, den gesellschaftspolitisch und den humansozial relevanten Charakter von Kunst setzte. Es war weder im lokalen noch im provinziellen Sinn auf Graz bezogen, was diese Künstlerinnen und Künstler als Feldforschung im medienkritischen und medientheoretischen Bereich betrieben, aber es war Graz spezifisch – weit über die Grenzen der Stadt und des Landes hinaus. In einem so klaren künstlerischen Ausmaß und in einer dezidierten Haltung definiert, dass immer wieder von einer Grazer Gruppe, in der Zwischenzeit weit verzweigt und durch neue Untersuchungsfelder angereichert, auch auf dem Gebiet der bildenden Kunst die Rede war. Das Etikett, dem wir nicht zu entkommen scheinen, wurde im Nachhinein auf spezifische Methoden und Strategien appliziert.

Nicht nur weil die Intro Graz Spection seit nunmehr 10 Jahren Graz in ihre Mitte nimmt, muss über den Vereinsnamen hinaus das Verhältnis der Gruppe, die von Christian Marczik, Wolfgang Gärber und Werner Schwab gegründet wurde, zum geografischen Ort und von hier aus zum Kunstort, an dem sie sich bewegen, definiert werden, sondern vor allem deshalb, um das Logo als Ankündigung auf den Inhalt der Ankündigung zu überprüfen. So sehr es – heute leider schon als abgeschlossenes Kapitel der Geschichte – von Bedeutung sein mag, dass mit Werner Schwab eine der profiliertesten Persönlichkeiten der jüngeren Vergangenheit Mitinitiator der Künstlergruppe war, entscheidend konnte damals bei allem zugestandenen Spekulationstalent nicht der spätere Markenname sein, sondern die gemeinsam mit ihm getragene Haltung, Störzonen im Kulturbetrieb zu schaffen, also Kunst gegen den gepflegten und gepflogenen Strich zu bürsten. Eine jüngere Generation als die diversen verdienstvollen und das künstlerische Profil der Stadt bestimmenden „Grazer Gruppen“ rekurrierte nicht auf die verschiedensten, zumindest theoretisch zur Verfügung stehenden, Kunstbühnen, sondern funktionierte Unorte der Kunst zur Orten ungestümer und – im heutigen Jargon- vernetzter Kunsthandlungen um. Lang vor einem Projekt dieses Namens (1997 in der Murvorstadt) handelte es sich um einen permanenten Seitenwechsel, der in einem ungepflegten Kulturpark – nicht jede Pflanze, von der man annehmen konnte, dass es sich möglicherweise um Unkraut handelt wurde sicherheitshalber ausgejätet – stattfand. Das interdisziplinäre Moment, das heute andernorts noch nach französischer Parktradition ordentlich zurecht gestutzt wird, keimte und keimt ohne Rücksicht auf Wildwuchs üppig und daher mit authentischer Kraft. Um die Handlungsmethoden der Intro Graz Spection mit einem anderen Bild deutlich zu machen: Nicht die apparative Philosophie von Kodak – „Sie drücken (nur) den Knopf und wir besorgen den Rest“ – liegt den Intentionen der sich immer wieder verändernden Gruppierung zugrunde, sondern eine gleichzeitig erweiterte und begrenzte Motivsuche sowie neben bewährten Kooperationspartnern wie „Pure Laine“ (seit 1995 Bloom) eine permanente Suche nach „freien Mitspielern“ an den grundsätzlichen inhaltlichen und gestalterischen Instrumenten des „harten Kerns“ um Christian Marczik. Die erweiterte Motivsuche hielt und hält nach neuen Ausdrucksformen Ausschau wie seinerzeit (1990) nach telematischer Interaktion und Telekommunikation am Beispiel von Gerfried Stocker, die Begrenzung des Motivs besteht darin, Kunst nicht als traditionelles artifizielles Produkt zu begreifen, das an den Umrissen seiner formalen Gestalt endet. Jüngste Projekte wie „Die Förster“, ein Projekt von Georg Altziebler, Fedo Ertl und Christian Marczik anläßlich des EU-Wohnbauministertreffens im Grazer Congress oder die Plakataktion mit den Nuoc Mam Dirnd’ln unter dem Titel „Gelbe Gefahr“ zeigen auf, dass interkulturelle und soziokulturelle Denk- und Handlungsfelder vor dem Hintergrund der Globalisierung Graz in die unendliche Reihe der Weltdörfer einreihen. Bemerkenswert ist in den genannten Beispielen und in den immer wieder und weiter forcierten Auslandsaktivitäten die jeweils spezifische Verortung der Projekte. Das bedeutet auf der einen Seite – und diese Vorgangsweise ist in ihrem Stellenwert gerade in der gegenwärtigen Situation von Graz nicht hoch genug einzuschätzen – dass Intro Graz Spection das künstlerische Potential dieser Stadt in einer undogmatischen Art und Weise aktiviert und ausschöpft ohne ausschließlich auf die sicheren und arrivierten Kräfte zurückzugreifen und das bedeutet andererseits, dass die Handlungsräume immer wieder mit den Lebensräumen – auch und vor allem mit solchen, die es noch weiter und auf andere Weise zu entdecken gilt – verknüpft werden.

Jeder Paradigmenwechsel in der Kunst wie auch die Weiterentwicklung neuer Paradigmen, die sich teils an den Schnittstellen der jüngeren Geschichte ausgebildet haben, ist unmittelbar an eine Veränderung der Rezeption von Kunst vor dem Hintergrund geopolitischer, kultureller und gesellschaftlicher Zustände gebunden. Die Verleihung des Kunstpreises der Stadt Graz an Intro Graz Spection trägt diesem Umstand Rechnung. Das heißt, dass mit dieser Würdigung auch ein verändertes Arbeitsfeld des Künstlers / der Künstlerin in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt werden will. Das schöpferische Potential fließt nicht zwangsläufig in die Fähigkeit für perfekte formal-ästhetische Gestaltungen, sondern fokussiert sich mehr und mehr auf das Aufbereiten und Verarbeiten von übergreifenden Zusammenhängen, auf das Delegieren von Arbeits- und Projektaufträgen, auf die Anregung und Koordination von Themenschwerpunkten, die eine mit den vielfältigen Mitteln der Kunst erreichbare Orientierung innerhalb der komplexen Lebenssysteme zu leisten imstande ist. So ist das Logo Intro Graz Spection Ausdruck spezifischer, sich ständig erneuernder künstlerischer Haltungen, die sich vornehmlich in Graz und mit den hier vorgefundenen Situationen verorten. Aus dem selbstgewählten Auftrag eines aktuellen Künstler-Selbstverständnisses wurde es entwickelt und dabei zum Markenzeichen für eigen-sinnige Kulturarbeit und Kunstproduktionen.

Der Kunstpreis der Stadt Graz und diese seine Begründung wollen aufgrund der zahlreichen überzeugenden Beweise der Vergangenheit Intro Graz Spection ermutigen, auf dem grundsätzlich vorgezeichneten Weg in die Zukunft zu gehen.

Der Text erschien in leicht veränderter Form als:  Intro-Graz-Spection: Zur Charakteristik Grazer KultUrgärtner  in: Alles wird gut, 10 Jahre Intro-Graz-Spection, Graz Eigenverlag 1999, S.  6 – 14  UND IN:  inTRO-gRAZ-sPECTION – oRTE ZUR kUNST, Graz Eigenverlag  2004, S. 85  – 87
ABBILDUNGe.n: INTRO-Graz-Spection
FOTOs: ARCHIV FENZ-KORTSCHAK
ORIGINAL-MANUSKRIPT: ARCHIV FENZ-KORTSCHAK