Hallo, hier Werner Fenz

Hallo, hier Werner Fenz:

Tamara Horáková, "keinen Ort & keine Zeit" 1986

Tamara Horáková, „keinen Ort & keine Zeit“ 1986

Meine sehr verehrten Damen und Herren!1Lagunenwasserverplätschert waren die Worte von Dr. Werner Fenz bei der Eröffnungsrede zur Vernissage von Tamara Horáková in der Therme Loipersdorf. Kein Wunder, denn die Eröffnungsrede wurde in Venedig bei der Biennale gehalten und via Satellit und Telefon nach Loipersdorf übertragen. Leider war zuviel „Meeresrauschen“ zu hören und „KIT“-Organisator Franz Brugner verwünschte die Technik. Tamara Horáková, Anhang zum Originalmanuskript

Ich begrüße Sie herzlich zur Eröffnung der Ausstellung „keinen Ort & keine Zeit“ von Tamara Horáková in der Therme Loipersdorf. Kunst und die Beschäftigung mit ihr bedeutet sowohl Rückbezug auf sich selbst als auch die Verarbeitung überregionaler geistiger Strömungen der Gegenwart und der Vergangenheit. Auf allen Gebieten in nicht eingrenzbaren Themenbereichen. Und unter spezifischen Bedingungen. Irgendwie fühle ich mich heute, hier im Hauptpostamt von Venedig, bei diesem Eröffnungsreferat, in die Rolle des Künstlers versetzt: nach einem ereignisreichen Tag im Garten der Künste, den Giardini der Biennale, habe ich mich jetzt zurückgezogen und versuche mir nach den vielen Eindrücken ein Bild vom künstlerischen Werk der Tamara Horáková zu machen, um es Ihnen,  wie ich es sehe, zu beschreiben. Ich bin, zwar nur für diesen kurzen Moment, auf mich allein gestellt und weiß nicht wer und wieviele Sie sind, an die ich mich wende. Vom einen oder anderen Bekannten nehme ichan, daß er sich unter den Vernissagen-Gästen befindet, aber ansonsten sind mir die Adressaten meines Textes unbekannt. Ich spreche zu Ihnen in der Hoffnung, daß ich etwas zu sagen habe, zu einem ganz bestimmten Bereich – zu den Arbeiten einer Fürstenfelder Künstlerin – die sich an einem stark frequentierten Ort an ein in der Mehrheit anonymes Publikum wendet. Ich weiß im Moment nicht, wie gut die Kommunikation funktioniert, ob Sie mir noch zuhören und ob Sie mich überhaupt, nicht nur akustisch verstehen.
Kunst, meine Damen und Herren, erzeugt Bilder. Sie tut dies, indem sie andere mögliche Bilder verweigert, also Position bezieht, sie tut dies, indem sie die Linse des Fotoapparates focusiert, also zusammenzieht, indem sie eingrenzt und auswählt. Tamara Horáková nimmt den Bildgebrauch in konsequente Weise ernst. Sie lotet ihn vom Begriff des Ge-Brauchens her aus. Wir brauchen Bilder und wir gebrauchen sie. Zum ersten: in immer rascherer und intensiverer Weise ist unsere Welterfahrung durch visuelle Zugänge bestimmt. Die vielen möglichen Realitäten teilen sich uns weitgehend über die optische Information mit. „Ein Bild sagte mehr als tausend Worte“ ist nicht nur ein geschickter Werbeslogan der Fotoindustrie. Wir haben heute via Bild das Gefühl, überall dabei zu sein. Sind wir es wirklich? Hautnah erleben wir die Wirklichkeit, wessen Wirklichkeit? Bilder werden als Belegstücke der Wirklichkeit zitiert. Können wir mit ihnen umgehen?
In diesem gedanklichen Umfeld bewegt sich Tamara Maurer-Horáková. Ihr Interesse ist auf die Macht und die Poesie, auf die Lüge und Wahrheit, auf die Kraft, auf die Schönheit, auf die Hinterhältigkeit, aber auch auf das klassische Bildritual der alltäglichen Bildwerke gerichtet. Weil sie der Mechanismus gesellschaftlicher Kommunikation fesselt und weil sie diesem Bezugssystem nicht ausweicht, sondern im Gegenteil frontal darauf lossteuert. Der Kunstgriff, den sie dabei anwendet, reflektiert und analysiert streng methodisch das bildkünstlerische Medium an sich. So konzentriert sich der malerische Akt auf das Verhüllen und Einengen, um auf diese Weise zum Wesentlichen, zum Exemplarischen zu finden.#
Freilich erfolgt die scheinbare Verengung des Blickwinkels aus einer objektiven Erweiterung des Horizonts: wöchentlich wurden in beständiger Regelmäßigkeit 25 Zeitungen aus Ländern mit unterschiedlichen politischen Verhältnissen und Gesellschaftssystemen gekauft und als Bildträger im wahrsten Sinn des Wortes bestimmt. In einer Auswahl aus diesem Arbeitszyklus wird uns die Struktur der für die Künstlerin inhaltlich und formal bestechendsten Bilder dergestalt vor Augen geführt, daß sich die im üblichen Sinn künstlerisch-handwerkliche Attitüde auf das gleichmäßige und neutrale Abdecken der umgebenden Fläche mit weißer Farbe minimalisiert. Die Struktur der Übermalung ist gerade so dicht, daß wir das Verhüllte ahnen, ohne es tatsächlich visuelle „greifen“ zu können. Gewohnt der Farbspur als Bedeutungsträger nachzugehen, erfahren wir unsere erste Verunsicherung. Suchen wir nach Kriterien der Komposition stellt sich die zweite ein: nicht eine spontane und wohlüberlegte Flächenaufteilung entscheidet über den letztendlichen Aufbau, sondern die medienreale Platzierung und die Größe. Schon von hier aus werden die Mechanismen der Bedeutung von Bildmotiven angesteuert.
Da Tamara Horáková keinen strengen Raum-Zeit-Raster in diesem Ausschnitt ihrer Arbeit angelegt hat, greift hier nicht die Methodik der vergleichenden Registrierung im Sinne von Wert- und Informationskriterien regionalen und politischen Zuschnitts, sondern vielmehr das Aufspüren traditioneller Bildquälitäten im alltäglichen Gebrauch. Da sind das Vorpreschen, das Niederstürzen, das Liegen und Kauern, die nüchtern-schöne, sterile Technik. Durch den fehlenden oder fremdsprachigen Text ihrem ursprünglichen Zusammenhang entrissen, tritt die Bildkomposition über den Informationsgehalt als vorrangiges Wahrnehmungskriterium an vorderste Stelle. Erst in dieser Qualifizierung wird ihre Bedeutung als losgelöster Ausdrucksträger erkannt. Das Bild strahlt die in langer Tradition typologisch festgelegte Erfahrungsqualität ab. Besonders in den Großformaten erscheint die hohle Pose und die damit verbundene Absurdität erst durch die erzielte Isolierung voll zu greifen. Die Bilder entlarven sich in ihrer Banalität gleichermaßen wie sie sich vordergründig eine neue, schlichte Poesie zu verschaffen scheinen. Durch das Kunstmittel der fluoreszierenden Farbe greift die Künstlerin im Werk „Yellow Gal“ den Ansatz der Verhüllung in umgekehrter Form wieder auf, da erst bei entsprechendem Kunst-Licht aus der Unverbindlichkeit scheinbarer abstrakter Malerei die grausame Bildrealität hervorgeholt wird.
Kunst zieht sich hier nicht in den elfenbeinernen Turm subjektiver Mythologie zurück. Sie filtert aus berechnenden Mythen der Gegenwart die lösliche Substanz und liefert auf unprätentiöse Weise die Zusammensetzung. Damit baut sich ein konzentriertes Spannungsfeld über die Verfügbarkeit und den Gebrauch alltäglicher Bilder auf.
„Ruf doch mal an“, heißt der Werbeslogan der Post der achtziger Jahre. Mein Gebrauch der Telefonleitung von Venedig nach Loipersdorf sollte in dieser Aufforderung auch Platz gefunden haben. Mit herzlichem Gruß in die Oststeiermark danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Es gibt keinen Ort und keine Zeit, wo man nicht über Kunst sprechen soll.

Werner Fenz, ERöffnungsrede im MAi 1986
OriginalManuskript: Archiv Fenz-Kortschak
Foto: TAmara Horáková, Archiv Fenz-Kortschak

References
1 Lagunenwasserverplätschert waren die Worte von Dr. Werner Fenz bei der Eröffnungsrede zur Vernissage von Tamara Horáková in der Therme Loipersdorf. Kein Wunder, denn die Eröffnungsrede wurde in Venedig bei der Biennale gehalten und via Satellit und Telefon nach Loipersdorf übertragen. Leider war zuviel „Meeresrauschen“ zu hören und „KIT“-Organisator Franz Brugner verwünschte die Technik. Tamara Horáková, Anhang zum Originalmanuskript