Die Rezensionsstandards sind Selbstläufer

Die Rezeptionsstandards sind Selbstläufer

Pavel Althamer und Andere, Wien Secession 2009

Pavel Althamer und Andere, Wien Secession 2009

Das zu verhindern ist ein Appell

Wir können die Kunst im – zumindest nach den Maßstäben der Architekten – perfekten Museum abfeiern. Auch in Museen, die, wie seinerzeit in Mönchengladbach, für die einzelnen Kunstwerke Wände und Nischen und Räume hergerichtet haben. Nur für diese der Gegenwart und nicht für jene weiteren der Zukunft.

Wenn wir das tun, und wir tun es, entfernen wir die Kunst damit noch weiter aus der Gesellschaft und deren Ansprüchen.

Wenn die Gesellschaft Kunst benötigt, dann muss sie die richtige „Form“ haben, um beim klassischen Form/Inhalt-Thema anzuschließen.
Wann und wozu aber braucht die Gesellschaft Kunst? Damit sich der/die einzelne ausrasten kann? Oder dem Alltag entfliehen kann?

Die Gesellschaft dürstet es nach dem Event. Doch das stimmt so nicht. Also anders: Die Medien, die Veranstalter, die Kulturpolitiker, die Kuratoren usw. haben der Gesellschaft eingetrichtert, dass es sie nach dem Event zu dürsten habe.

Der Event findet nicht nur, wie man despektierlich zu vermerken pflegt, am Schotterteich statt. Er wird nicht zuletzt in der Albertina gefeiert: Von Rembrandt auf- oder abwärts. Das sind dann zwar andere, aber dennoch Eventhungrige. Und auf diesen Eventterrains blähen sich die Segel in den auf immer höheren Touren laufenden Windmaschinen. Es gibt demnach das Badepublikum, das der auf dem Floß spielenden Musikkapelle zujubelt und das Kunstpublikum, das seinen Jubel, meist vornehmer, aber ebenso intensiv, an die Bilder an der Wand adressiert.

Kaum traut man sich heute noch vom White Cube, jenem hermetischen Ausstellungsraum, der die Außenwelt abzuhalten errichtet wurde und wird. Jeder/jede kennt dieses Paradigma. Früher war es einmal der Elfenbeinturm der Kunst, war es l’art pour l’art oder wie immer diese Synonyme zur Herstellung der Aura eines Kunstwerks genannt werden mochten. Nicht wieder diese Diskussion also. Und doch kann niemand behaupten, sie sei nicht (mehr) notwendig.

Wenn man mit Studentinnen in Wien, in der Secession, bei „Pavel Althamer & Andere“ war, dann ist die Diskussion aktueller denn je, oder weniger stark aufgetragen genauso notwendig wie ehedem. Der Mut, das alte – ist doch ein altes? – Ausstellungsgebäude in der Mitte mit einem Gang durchzuschneiden und den Eintritt in den Raum zu verwehren, sei schon beachtlich. Aber jetzt da hinten auf der Wiese, was ist denn das?  Eine Art Tanzboden, eine Holzhütte mit bunten Streifen; einer, der von gestern scheint, sitzt auf dem Sockel der Secession und trinkt sein Bier. Natürlich machen sich Unverständnis und Sprachlosigkeit breit. Natürlich, weil: Wo ist die Kunst jetzt da im Grünen. Sie haben, im besten Fall, die klassische Moderne studiert; sie arbeiten, wenn sie von der FH kommen, am Ausstellungs- und Museumsdesign. Am Design eben und nicht an den Inhalten. Damit haben sie, vor allem wenn es sich um gegenwärtige Fragen und Weltsichten handelt, nichts zu tun. Die Kunst kommt schon ins Design, aber dafür sind andere zuständig. Kunst aber soll und wird es – hoffentlich – sein.

Althamers Schock-Präsentation kann auch an vergangene Zeiten erinnern und das nicht zwingend in einem Museum oder um ein Museum herum. So hat zum Beispiel der Berliner Raimund Kummer kompromisslos in situ gehandelt. Und zwar im Sinne einer definitorischen Neubewertung des Begriffs. In den Zeiten von „Büro Berlin“ (1978-81) lackierte er vorgefundene T-Träger auf Baustellen – Relikte des Abbruchs oder Instrumente für Ausschachtarbeiten. Er be-zeichnete die Alltagsskulptur und zwar in jenem Ausmaß, dass diese vom Kamerastandpunkt aus vollständig lackiert aussah. Die Lackierung legte den Blickpunkt fest, die jeweilige Baustelle den Ausstellungsort. Elemente des Architektur-Instrumentariums werden zunächst durch die Isolierung, danach durch die Bemalung in den Status der Skulptur erhoben, vis-a-vis, oder besser, gebunden an den Ort fragmentarischer Architektur. Trotz der transitorischen Situation des Werkstoffes bildete dieser eine deklarierte – wenn auch zeitlich begrenzte – Konstante im dynamischen Baugeschehen. Die skulpturalen Raumachsen waren vorgegeben, sie redefinierten den Ort. Die Wahrnehmung wurde nicht durch Sackgassen oder Labyrinthe, nicht durch die aus der Architektur übernommenen Krümmungen der Stahlbleche wie etwa bei Richard Serra bestimmt. Kummers Raum war ein Un-Ort, eine nicht betretbare Baustelle: Eine Kunst-Installation.

Sogar die Wandmalerei in ihrer minimalisierten Form kann wie am Beispiel von Daniel Buren ein Instrument sein, um die Kunst, respektive die Wirkung der Kunst vorzuführen und zu erkennen.
Das Museum zum Beispiel wurde „benutzt“, ohne seinen Ausstellungsrahmen zu verändern. Am Tag der Ausstellungseröffnung wurde die Arbeit – Papier mit senkrechten weißen und blauen Streifen – auf bestimmte Mauern / Wände des Museums geklebt, und zwar an den Stellen, die nach der Hängung der vorher vom Museum gezeigten Gruppenausstellung frei geblieben waren. Diese Ausstellung wurde um 14 Tage verlängert, genauso lang wie die „Intervention“ von Buren dauern sollte. Dieser Teil stand in enger geistiger Beziehung zu dem Teil, der auf der Straße ausgeführt wurde und der dort ebenso wenig veränderte, sondern sich nur da, wo es möglich war, niederließ. „Im Museum“, berichtet Buren, „erschien 15 Tage nach der Eröffnung meiner Ausstellung die nächste: sie wurde nun um die bereits aufgeklebten Papiere (weiß/blau) herum installiert, sodass diese zwar sichtbar blieben, aber in einem anderen „Dekor“ (die übliche Kunst, die eigentliche Ausstellung wird als Dekor bezeichnet!)“. Die Veranstaltung begann in jedem Ort am selben Tag und wurde dort jeweils speziell angekündigt.

„Das veranstaltende Museum“, resümiert der Künstler, „war nur mehr einer von vielen möglichen Gesichtspunkten unter anderen und verlor so seine zentrale Rolle, Endpunkt jeder künstlerischen Arbeit zu sein. Es war nur ein möglicher Stützpunkt für eines der Fragmente, aus denen die Arbeit bestand.“

Wie schärften wir gestern, wie schärfen wir heute dafür die Sinne (und darin eingeschlossen die Sinnhaftigkeit dieses und ähnlichen Tuns)?

Ist es die Aufgabe der Ausstellungsmacher? Der Lehrer? Der Professoren? Der Kunstvermittler? Sollen wir die üblichen wenigen Kunstsendungen in den TV-Sendern, wo entweder nichts von den wirklich zeitgenössischen „Umtrieben“ oder nur mit der sattsam bekannten Ironie – das Lachen aus den Soaps ist einstweilen noch ausgeblendet – berichtet wird, zu löschen versuchen, indem wir einen Anstandsbalken darüber kleben?

Dass der Kunstunterricht nicht ausschließlich ein Zeichen- und Malunterricht sein kann, sollte an keinem dafür vorgesehenen Ort, muss an diesem konkreten Ort hier nicht nachdrücklich ins Treffen geführt werden. Es muss sich vielmehr um eine erste Begegnungsstätte handeln, an der, wie die Wälder und Bäche vor Unrat „die Kunst“ von den vorwiegend von Erwachsenen allen Alters, jedweder Bildungsschicht und jedweden Berufs gelebten und vermittelten Standardisierungen gesäubert wird. Der erste Schritt, der aus einer selbstverständlichen oder bewussten Unbefangenheit gegenüber den Bildern, den Prozessen,  den Handlungen, den Experimenten, den Verstörungen und Soft-Provokationen in einem Bereich, den wir zurecht Kunst nennen, getan wird, ist der entscheidende. Es handelt sich nicht um Etikettenschwindel, wenn Beete mit Ruralpflanzen eine Mitteilungsform sind. Etikette mit dem Aufdruck Kunst sind so rasch wie möglich einzusammeln und, wenn es sich nicht um Klebefolien handelt, der Papiertonne zuzuführen. Und dennoch ist nicht alles Kunst und dennoch jeder Mensch ein Künstler, wenn er kommunikationsfähig und kommunikationswillig ist und nicht nur in den eingeübten modischen Schlagworten sich selbst artikuliert und von den anderen ausschließlich in dieser Form angesprochen werden will.

Die Interview-Frage, ob es nicht ungünstig sei, die Werke der Fototriennale so weit verstreut zu präsentieren, da das Kunstpublikum sich wohl kaum in die Außenbezirke aufmachen werde, war nicht nur falsch gestellt, sondern zynisch. Oder besser gesagt: Ein Beispiel für das Hamsterrad, in dem sich auch die Kunstkritik beständig übt.

In einer Zeit, in der Kunst in einem Ausmaß an der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit mitwirkt wie – auch die siebziger Jahre miteingeschlossen – kaum jemals zuvor, braucht sie Orte der Begegnung und der Vermittlung eher als solche der Repräsentation. Das Publikum ist aufgefordert, eine Atmosphäre der Begegnung aufzunehmen, das Verweilen gegen das Mobile auszuspielen und sich als AkteurInnen an der Gestaltung kulturellen Raumes zu beteiligen.
Kann man, soll man von einem Gesamtkunstwerks – in seiner demokratischen, in seiner von Kunstobjekten klassischen Wertmaßstabes „entdinglichten“Form sprechen? Vermögen KünstlerInnen damit Defizite des Gemeinschaftlichen auszugleichen? Ist dies der endgültige Abgesang an das Auratische des Kunstwerks – ob im Museum oder in einer Galerie? Hat die Kunst in einer weiteren Form ihre aufklärerisch sinnstiftende Hausaufgabe gemacht? Wird der übliche Ausstellungsbetrieb – von Wien über Frankfurt nach Kassel und zurück –   endgültig desavouiert? Ist das oft eingemahnte Goldene Zeitalter der Kunst als Kommunikationsform angebrochen?

Es fällt auf, dass das als Kunst unauffällige Werk durch die Zentrierung auf inhaltliche und funktionale Strukturen die Ausbildung einer neuen Grammatik belebt, die in vielen Fällen, auf den ersten Blick und aufgrund traditioneller Parameter, das Tabu der „Differenzschwelle“ zur Alltagsrealität bricht und dadurch erst zu einem „Störfaktor“ der konventionellen Ästhetisierung wird. Die künstlerische Intervention kann nicht sofort als ein auf der geläufigen Skala angesiedeltes Kunstwerk erkannt und eingeordnet werden. Es erschließt sich innerhalb eines seinen Handlungsraum bestimmenden fest gefügten Zeichensystems bestenfalls als Irritation, als Verfremdung.

Wenn wir die gesellschaftliche Relevanz einer Kunst im Auge haben, dann bildet dieser Begriff auch die seriöse Basis für einen ernsthaften Umgang mit dem aktuellen Thema im nichtinstitutionellen Raum. Allerdings hat diese Basis, wie die Erfahrungen zeigen, fast ausschließlich innerhalb des Systems Kunst ihre Gültigkeit. Nach außen, System überschreitend, kann nur selten transportiert werden, dass einzig über künstlerische Zeichensetzungen nicht von Politik, Medien und Werbung vordefinierte Meinungsäußerungen öffentlich erfahren werden können.

Ohne die Räume eng machen zu wollen und das Museum, die Kunsthalle, die Galerie als die entscheidenden Räume der Kunst zu reklamieren, kann einer dort nicht nur drohenden, sondern in vielen Beispielen bereits eingetretenen Musealisierung von Kunst nur dadurch begegnet werden, dass sich diese traditionellen Bühnen der Vermittlung von Kunst von Grund auf ändern. Zum Beispiel, indem sie auf die Attitüden der Repräsentation Schritt für Schritt und letztlich radikal verzichten. Und im Wettbewerb dem Alter Ego, dem Publikum, den Vortritt lassen. Andernfalls könnte es sein, dass die aktuelle Kunst ihren Auszug vorbereitet und man sie davon.

Vortrag: beim  ITAE-Kongress Intervention durch Kunstunterricht : kunstpädagogische Strategien und Möglichkeiten für eine Schule der Vielfalt. Graz 2009
Originalmanuskript: Archiv Fenz-Kortschak
Abblidung: Secession Wien
Foto: Wolfgang Thaler