PRINZGAU/podgorschek

PRINZGAU/podgorschek

28,15,0,50,1
600,600,0,0,5000,1000,25,2000
90,300,0,50,12,25,50,1,70,12,1,50,1,0,1,5000
Graz, Künstlerhaus 2007
PRINZGAU/podgorschek, weg mit dem ziel! dingkunst- und leseparzelle
Graz, Künstlerhaus 2007
PRINZGAU/podgorschek, weg mit dem ziel! dingkunst- und leseparzelle
2007
PRINZGAU/podgorschek, Hase-Behauptung
Graz, Künstlerhaus 2007
PRINZGAU/podgorschek, weg mit dem ziel! dingkunst- und leseparzelle
Graz, Künstlerhaus 2007
PRINZGAU/podgorschek, weg mit dem ziel! verhandlung- und behauptungstisch
2000 - 2007
PRINZGAU/podgorschek, archszenen, von haus
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Argumente für den Zwischenraum

Eine Ausstellungshalle, ein Kunstraum, der nicht ansteht, seine Tätigkeit, also seine Präsentationsformen von Kunst und deren Vermittlung, von Zeit zu Zeit zu hinterfragen oder offen zur Diskussion zu stellen, sollte, besser: muss, eine Auseinandersetzung mit dem Werk von PRINZGAU/podgorschek auf das Programm setzen, um, wenn nicht alles, so zumindest vieles über das Handlungsfeld Kunst wissen und mitteilen zu können. Das mag eindimensional klingen, vor allem nach einem, obwohl mit Kanten versehen, erfolgreich gelaufenen Projekt. Tatsache ist dennoch, dass eine Reihe von grundsätzlichen, von theoretischen Komponenten für die Arbeit an oder mit der Kunst in einem hohen Ausmaß mit den Produktionen des Künstlerduos abgedeckt werden. Jetzt kann man, vielleicht ist es höchste Zeit, um es zu tun, diese scheinbare Einbahnstraße, dieses hochlöbliche Ergebnis, das mit der Ausstellung weg mit dem Ziel! vorgelegen ist, verlassen und kann von außen auf die Bewegungsschritte, die abgelaufen sind, einen kritischen Blick werfen.

PRINZGAU/podgorschek, weg mit dem ziel! dingkunst- und leseparzelle, Graz, Künstlerhaus 2007

PRINZGAU/podgorschek, weg mit dem ziel! dingkunst- und leseparzelle, Graz, Künstlerhaus 2007

Eine erste, eigentlich unausweichliche Begegnung mit der Installation erfolgt durch das Einziehen eines weiteren Rasters in den als klassischer White Cube ausgebildeten Ausstellungssaal: Das Geviert liegt auf dem Boden, dort, wo ohnedies im Kunststeinboden Feldermarkierungen vorhanden sind, und nimmt die Funktion einer Parzelle ein. Sie ist aus Kartonrohren gebildet, alle mit handelsüblicher Goldfarbe gestrichen und damit über eine bloß dreidimensionale Begrenzung hinaus eine jahrhundertealte Fassung der Kunst, nämlich den repräsentativen Rahmen, zitierend. Nicht nur dadurch, aber auch dadurch ist es legitim, von einem aus der Vertikale in die Horizontale geklappten Bild zu sprechen. Was heißt Bild, wenn innerhalb der Begrenzung eine Fülle von dreidimensionalen Objekten, mehr oder weniger zufällig, wie es scheint, „arrangiert“ ist? Sobald ich diese Frage stelle, habe ich in zweifacher Hinsicht das Spiel mit den Grenzen und den damit verbundenen Umstieg von der einen auf die andere Seite nicht gut genug begriffen. Der durch die Rohre gebildete Raster ist einerseits der ernstzunehmende Versuch, aus der ziemlich großen Grundfläche ein kleineres Areal auszugrenzen und mit Blick nach oben auf das seriell gerahmte Glasdach so etwas wie einen künstlerisch akzentuierten Transfer auf der konstruktiven Ebene als Wahrnehmungsmuster anzubieten, andererseits ist genau diese vorgegebene strenge Raumhülle der Auslöser dafür, wie leger mit der Begrenzung der Parzelle verfahren wurde: Die Zylinderformen halten sich lediglich durch die Lagerung auf Sandsäcken einigermaßen in Form und laden an einer Stelle durch die Schräglage eines einzelnen Elements zum Betreten des Innenraums ein.

PRINZGAU/podgorschek, Hase-Behauptung, 2007

PRINZGAU/podgorschek, Hase-Behauptung, 2007

Da drinnen herrscht Unordnung, vom Material und von der Aufteilung her: Verpackungen aus Karton, Plastikeimer, eine Sitzecke, Lampen, Türschilder usw. Mit diesem Fokus auf Alltagsgegenstände verarbeiten die Künstlerin und der Künstler einerseits die eine oder andere Strömung aus der Kunstgeschichte, andererseits radikalisieren sie den Bezug zum Ding, indem sie es mit neuen Bedeutungsschichten aufladen und als mit einem hohen Maß an Ambiguität versehene Markierungen in einen Befund der unterschiedlichen wichtigen Merkmale des Lebensraums wie der eigenen Verortung in diesem wenden. Wir greifen zu kurz, wenn wir ausschließlich den dadaistischen Witz ins Treffen führen oder gar über ein unreflektiertes Aufleben einer Trash-Kultur uns Gedanken zu machen anschicken.

Charakteristisch in diesem „Kunterbunt“ auf der Ebene von Collagen ist neben der Ausbildung von energetischen Richtungs- und Kreuzungszentren im formalen Bereich, neben der Verweltlichung und gleichzeitigen Vertiefung der Symbolsprache, zum Beispiel der Kreuzform, der hohe Anteil an Textkonfrontationen. Sie stellen auf unterschiedliche Art und Weise eine sinnliche und auf die genannten sowie weitere Trägerformen angewiesene Archivsituation her: Es könnte ein Archiv der, obwohl es auf der Hand gelegen wäre, bisher nicht geschriebenen, aus Fragmenten zusammengesetzten Texte sein. Oder: Die zweite über die Sprachschiene laufende Erfahrungsebene kann in die Rubrik „Was wir bisher noch nicht oder nicht mit diesen Konnotationen versehen gelesen haben“ eingeordnet werden.

PRINZGAU/podgorschek, weg mit dem ziel! dingkunst- und leseparzelle, Graz, Künstlerhaus 2007

PRINZGAU/podgorschek, weg mit dem ziel! dingkunst- und leseparzelle, Graz, Künstlerhaus 2007

Durch die besondere Art der Präsentation – auf die Verpackungen, auf die Kreuzformen affichiert – erzwingen diese Lesetexte aus Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren etc. eine im Fließen der Zeitungsseiten nicht in diesem Ausmaß herstellbare Aufmerksamkeit. In dem vielteiligen Ensemble tauchen über die Kreuzformen hinaus keine Übereinstimmungen, Weiterführungen oder aufeinander abgestimmten Bezugssysteme auf. Doch selbst die Schachtel-Kreuze scheinen an den Rand der üblichen Wahrnehmung gedrängt zu sein und bestenfalls die Rolle eines instabilen Symbols zu übernehmen. Später stellt sich diese Instabilität als mehrschichtiges indexikalisches Konstrukt heraus, da sie Träger von komplexen, via Medien übermittelten Nachrichten aus der Wissenschaft, da sie Kreuzungspunkte von Raumkoordinaten, da mit den Enden ihrer Balken kosmologische und subjektive, systemische und gestalterische Dimensionen in das unter verschiedenen Gesichtspunkten aufgerichtete Zeichen integriert sind.

In den „Raumverstärkern“ oder „Wörterkübeln“ (oder doch „Kübelwörtern“?) nisten sich architektonische Prinzipien und, daraus abgeleitet, deren Qualitäten ein. Die aus ausgeschnittenen Buchstaben eingerichtete Textebene korrespondiert mit den Vorstellungen ebenso anonymer wie kryptischer Botschaften und streift dabei nicht zufällig am Konsumraum (oder Raumkonsum?) und der Werbebotschaft an. Dies alles spielt sich auf den eingegrenzten sieben mal dreizehn Metern ab. Was den Raum im Raum, um den es sich handelt, auch wenn er keine Wände besitzt, gegenüber dem äußeren, dem ständig präsenten Kunstraum auszeichnet, ist die offensiv genutzte Möglichkeit der Verdichtung. Sie spottet jeder Beschreibung (von Objektanordnungen, von Ausstellungsgestaltungen, heute immer häufiger Ausstellungsarchitektur genannt).

Längst ist es an der Zeit, auch wenn in der Aufzählung der durch PRINZGAU/podgorschek spezifisch gestalteten Raumkompartimente im Künstlerhaus noch einige fehlen, den Versuch zu unternehmen, aufzulisten, was wir durch weg mit dem Ziel! ziemlich kompakt über Kunst erfahren können. Es drängt sich nach den bisherigen Beobachtungen auf, Kunst einmal außerhalb der Mainstream-Ideologien anzusiedeln. Am Beispiel der Kübelobjekte und der Verschränkung des vorgefundenen Materials mit einer Gestaltungsebene anstatt der Gebrauchsebene leuchtet, wissend um die Nähe zu einem vor der Reflexion liegenden Romantizismus, so etwas wie der Urgestaltungszugriff auf. Er strahlt, wenn überhaupt, höchstens ein mattes Licht auf die konkrete Szenerie. Matt deshalb, weil ein dosierter intellektueller Filter diese vermeintliche Rückkehr zum archaischen Antrieb künstlerischen Gestaltens, der – wie bekannt – im Verlauf der Entwicklung sehr rasch entgegengesetzte Absichten, nämlich das Bannen der Natur durch ihre Nachahmung verfolgte, kontrolliert steuert und seriöse gegenwärtige Ansprüche an das künstlerische Handeln in den Vordergrund schiebt. Gegenwärtige Ansprüche, die qualitativ und quantitativ eine vom dominierenden System weitgehend unabhängige Sprache forcieren und den vorgeblich eisernen Regeln trotzen.

PRINZGAU/podgorschek, weg mit dem ziel! verhandlung- und behauptungstisch. Graz, Künstlerhaus 2007

PRINZGAU/podgorschek, weg mit dem ziel! verhandlung- und behauptungstisch. Graz, Künstlerhaus 2007

Während in der sakralen Apsis unter Ausschluss von High-Tech-Maschinen über ein Film-Video-Sample mit unterschiedlichen Materialqualitäten ein Jahrzehnte umfassender Zeit-Raum eingerichtet wurde, beherbergt der seit der Eröffnung des Hauses (1952) so genannte Grafikraum eine aufgrund ihrer funktionsverwandten Ausrichtung monumentale Skulptur. Sie nimmt, sowohl im Konzept als auch realiter von Anfang an mit ihrer eleganten Bestuhlung wie eine „eingefrorene theatralische Szene“ enthalten, eine Schlüsselrolle ein. Als Verhandlungs- und Behauptungstisch bezeichnet, entfaltet das Objekt, zusammengesetzt aus mehreren Einzelteilen, ihre finalen künstlerischen Qualitäten durch das Anwohnen der Menschen an ihren äußeren Rändern. Wie ein Versprechen und ein inhaltlicher Vorausgriff auf die nahe Zukunft und schließlich wie eine Erinnerung an die Vergangenheit baut sich das Ensemble an ihrem knapp bemessenen Platz auf.

Im Teil zwei des Projekts spielt es dann eine wichtige Rolle. Zehn „InfiltrantInnen“ sind vierzehn Tage nach der Eröffnung eingeladen, in der eingerichteten Ausstellung zu intervenieren. Kein künstlerisches Medium ist ausgeschlossen, jeder Eingriff bis auf die Zerstörung der vorhandenen Arbeit möglich. Mit dieser Veränderung und Erweiterung formuliert das Künstlerduo einen Anspruch, der sich von der Statik einer Ausstellung abwendet und in der Dynamik des Umordnens, Neuordnens und Ergänzens den legitimen Anspruch auf Aufmerksamkeit ein weiteres Mal formuliert. An der Tischskulptur werden an einem langen Abend unter Publikumsbeteiligung die neu dazugekommen Objekte und Installationen von den AutorInnen erläutert und mit dem entsprechenden Background versehen.

PRINZGAU/podgorschek, archszenen, von haus, 2000 – 2007

Kunst legt sich durch die gewählte Vorgangsweise auf möglichst direkte und authentische Vermittlung fest, die lediglich durch eine zurückhaltende Moderation möglichst in Form gehalten wird. In den Argumentationen, in den Fragen und Antworten, in Ablehnung, Polemik und Zustimmung wird der Diskurs paradigmatisch am Leben erhalten. Jener Diskurs, der einfache Dinge, Gegenstände und sorgsam ausgewählte, oft über einen langen Zeitraum gesammelte und dokumentierte Sachverhalte aus dem Lebenszusammenhang in die Kunstform nicht nur integriert, sondern sie zu einer Form der Kunst werden lässt. So sieht Lebendiges aus, so kann es tatsächlich aussehen, weil weitgehend auf die scheinbar einzig mögliche Übersetzung, jene in die Sprache der begrenzt Berufenen, verzichtet wird. Auf der verwendeten Ausdrucksskala findet sich jene beeindruckende Anzahl von Links, die von der Gesichtscremeschachtel über unzählige Ergänzungen und Abzweigungen immer weiter in die Räume der Artikulation und der sich daraus ergebenden Kommunikation führt: Wie von selbst – das klingt nun doch ein bisschen zu einfach – ausgetüftelt und streng kalkuliert – das wäre über das Ziel hinausgeschossen. Irgendwo dazwischen eben.

Manuskript zu: Werner FenZ, Argumente für den ZwischenRaum, in: PRINZGAU/podgorschek, weg mit dem Ziel! . Hafen Dieppe – Künstlerhaus Graz, Katalog zu den Ausstellungen,  Wien: FADENbrand  2008, S. 93-103
Fotos: Nina Dick, PRINZGAU/podgorschek
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