muß das museum abnehmen, damit die kunst wächst?

muß das museum abnehmen, damit die kunst wächst?

28,15,0,50,1
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90,300,0,50,12,25,50,1,70,12,1,50,1,0,1,5000
Graz, Zagreb 1981
Richard Kriesche, Peter Hoffmann, Bob Adrian X, Kunst - Mirkokunst - Makrokunst
Graz, Zagreb 1981
Richard Kriesche, Peter Hoffmann, Bob Adrian X, Kunst - Mirkokunst - Makrokunst
Graz, Zagreb 1981
Richard Kriesche, Peter Hoffmann, Bob Adrian X, Kunst - Mirkokunst - Makrokunst
Graz, Zagreb 1981
Richard Kriesche, Peter Hoffmann, Bob Adrian X, Kunst - Mirkokunst - Makrokunst
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Mora lise muzej smanjiti da bi umjetnost rasla?

1
ein kritischer kommentar von carl georg heise zur situation des museumsbetriebes, verfaßt vor rund 60 jahren, gipfelt in der feststellung: »blütezeiten der museumskultur sind tiefstandszeiten der kunst. das museum muß abnehmen – und die kunst wird wachsen«.1zitiert nach georg heise »das museum der zukunft«, köln 1970, S. 121.S abgesehen vom inhalt verweisen heises feststellungen zunächst einmal darauf, daß die institution kunstmuseum/öffentliche galerie nicht erst im letzten jahrzehnt zum zielpunkt engagierter reflexionen geworden ist. das vorhandensein eines raumes, in den kunst in vielfältigster form eingebracht wird, um bewahrt, gesammelt, inventarisiert und nicht zuletzt ausgestellt zu werden, regt namentlich im fall zeitgenössischer museen und sammlungen überlegungen zum stellenwert dieser überlieferten institution an. unter den verschiedensten aspekten kann dieses thema abgehandelt werden, die fragen nach der wertbarriere museum, der alten bürgerlichen bildungseinrichtung und einem neuen verwendungswert scheinen mir dabei die wichtigsten. zu bedenken ist, daß diese neue verwendungsqualität sowohl im lager der produzenten als auch der konsumenten ihren niederschlag finden könnte.

ausgeklammert muß in diesem zusammenhang der bereich der unterschiedlich einsetzbaren pädagogisch-didaktischen systeme werden, soweit er sich auf angewendete muster im schulpädagogischen feld bezieht, kunstvermittlung im curricularen sinn ist, wie der jüngste diskussionsstand deutlich zeigt, von so vielen gesetzmäßigkeiten innerhalb eines eigenen kontextes und inzwischen von so vielen gesetzen abhängig, daß eine eigenständige untersuchung darüber in gang gesetzt werden müßte. einige bereits funktionierende systeme in dieser richtung bedürften weiterer modifikationen aufgrund neuer erfahrungsberichte, wobei die person eines pädagogen im museum als gallionsfigur nach außen (= schulaufsichtsbehörde) von immer größerer bedeutung zu sein scheint.

museumsbeamte und kunsthistoriker können heute auf diesem sich nahezu verselbständigendem gebiet denkanstöße und hilfestellung in form von der bereithaltung eines ausgewählten materials oder elementarer hilfsmittel wie ausrüstung eines unterrichtsraumes im museum etc. liefern.

was man vom museum als lernort – eine an sich schon kühne begriffskette, deren funktion in der praxis nur an wenigen beispielen sichtbar wird – von dieser seite erwartet, ist die sehr oft wertneutrale weitergabe von fakten, deren aufnahme zudem noch überprüfbar und »abfragbar« sein soll. so geschieht die einbeziehung des museums als »ort sinnlicher erfahrung« in die lehrer- und schülerausbildung heute, wenn überhaupt, vorwiegend nach diesem muster. das heißt aber auch, daß das museum, sieht man von genau reglementierten fingerübungen im sogenannten praxisbereich ab, weitgehend die einzige kontaktstelle zwischen kunst als produkt eines künstlers und dem schüler oder lehrer als repräsentant des publikums zu sein scheint. in unsere überlegung gehört die schule-museum-achse dann, wenn der lehrer in der lage ist und sich getraut (persönlich und der vorgesetzten schulbehörde gegenüber), das als eine art zuflucht erwartete gesicherte bezugssystem mit der in-frage-stellung zu vertauschen und einen solcherart humusgesättigten boden voller neuer bedeutungsbeispiele und interpretationsversuche zu bearbeiten. zur zeit bieten ihm das österreichische schulgesetz und der lehrplan für grund-, haupt- und ahs-schulen so gut wie keine legalen möglichkeiten dazu.

2
im scheinbar endlosen »freiraum« – frei wovon? – den die kunst zu repräsentieren scheint, taucht das museum wie ein silberstreifen auf dem horizont der unsicherheit auf. bei dem, was hier vorgezeigt wird, kann es sich doch nur um kunst, um eine sammlung als kunst ausgezeichneter werke handeln. ohne das vertrauen in die öffentliche hand in unseren tagen überzustrapazieren, mag die argumentation wohl darauf hinauslaufen, daß werke von bedeutung, die zumindest der museumsmann als solche bezeichnet hat, angekauft und präsentiert werden. die museumskunst hat also den kunstbegriff in nicht geringem maß mitkonditioniert,2duchamps auslotung des bezugsrasters museum ist nicht die einzige, aber sicherlich eine der wich­ tigsten geblieben .

daß der »rahmen des museums« künstlerische produkte nicht nur evoziert, sondern auch »absegnet«, dürfte in der zwischenzeit unmißverständlich deutlich geworden sein. solcherart ist die wertbarriere museum sowohl auf der produzenten- als auch auf der rezipientenseite fest verhaftet. dabei macht es in der jeweiligen relation wohl kaum einen unterschied aus, ob es sich um regionale oder internationale institutionen handelt. kunst wird dorthin eingebracht und dort abgeholt, wo man den ihr entsprechenden rahmen wähnt. von hier sickert die attitüde der repräsentation in die lager der schaffenden und schauenden. das museum potenziert, wohl auch als rechtfertigung für den nicht unbeträchtlichen aufwand finanzieller art, materielle werte und manifestiert auf diese art gleichzeitig die tüchtigkeit seiner betreuer.

3
speziell auch bei der einrichtung neuer museen wird in erster linie die konstruktion bürgerlicher bildungseinrichtungen aufrechterhalten. werke international hochdotierter autoren befriedigen die erwartung eines, was die moderne kunst betrifft, sicherlich kleinen kreises bildungshungriger bürger nach wohlgefallen oder, vorichtiger ausgedrückt, nach ästhetisch relevanten objekten, mit erstaunlicher präzision wiederholt sich ein vorgang, der seit dem vergangenen jahrhundert impuls für den aufbau von kunstsammlungen war.3siehe die einrichtung des »museum moderner kunst« in wien und die vehement geführte diskussion um die konstruktion einer stiftung ludwig. in diesem fall ist auch die verquickung mit dem internationalen kunstmarkt besonders augenfällig.

freilich stellt der ankauf von objekten verschiedenster formaler und inhaltlicher dimensionen einen wichtigen schritt museumspolitischer überlegungen dar, doch sollte in ihm die basisarbeit in form von materialbeschaffung erkannt werden. diese überlegung zielt weder darauf ab, die arbeit des künstlers gering und die des museumsmannes überzubewerten, noch den »rohstoffcharakter« von kunstwerken unserer tage gar als stilkriterium festzuhalten.
ich meine ganz einfach, daß die stufe des »interesselosen wohlgefallens« gerade im museum überschritten zu werden vermag: in der auslotung vielleicht neuer, bisher nicht berücksichtigter dimensionen an einer objekt gewordenen geistigen spur, in der herstellung neuer bezugssysteme, die andere als die nur formal-ästhetischen oder inhaltlich-ikonografischen deutungen auch möglich machen. in dieser form könnte die museumsarbeit als erweitertes angebot an das publikum verstanden werden, die aktivität von seiten des museums müßte zunehmen, um das verständnis für die vielschichtigkeit von kunst wachsen zu lassen, und um sie benützbar zu machen.

4
die »benützbarkeit«, im besten fall die »verwendbarkeit«, von kunstwerken setzt ein abrücken von der these des einsamen geniestreiches als vorbedingung für die herstellung von kunst voraus. sie ermächtigt den rezipienten über die verarbeitung visueller reize hinaus, bildkürzel, objekte und vorgänge zu dechiffrieren. es geht nicht um den verschlungenen rechtfertigungsversuch für den weiterbestand der modernen kunstsammlungen und -galerien, wenn ihnen auf dieser basis ein neuer verwendungswert zugewiesen wird. ihre determination als heute wichtigste kontaktstelle zwischen den kunstwerken und dem publikum verpflichtet sie, ihren aufgabenbereich weiterzudenken und an konzepten erweiterter direkter kunstvermittlung zu feilen.
ohne in die inzwischen ideologisch gewordene diskussion zwischen visueller kommunikation und kunst eintreten zu wollen, darf auch für künstlerische produkte die qualität der abrufbereitschaft reklamiert werden. jene institution aber, die diese qualität erzeugen kann, ist das museum. als sammelpunkt künstlerischer zeugnisse gleichermaßen wie als medium zur verwirklichung von projekten und untersuchungen.
das museum kann zwar keine künstlerischen werte erzeugen, aber es kann sie darstellen, veranschaulichen, es kann – wiederum im besten fall – den mut und die unternehmungslust der produzenten steigern, wenn es sich als funktionstüchtiger bezugsrahmen versteht. die sammlung von fakten, denen der kontext kunst gemeinsam ist, kann, vom interesselosen wohlgefallen befreit, als speicher sowohl auf künstler wie auf das publikum abstrahlen.

mir scheint zum gegenwärtigen zeitpunkt keine ansicht radikaler als die, daß der museumsbetrieb reformiert wer­ den muß.4vgl. dazu heise, op. cit.: »es gilt einer viel radikaleren ansicht platz zu schaffen, als der einer reform des museumsbetriebes . es gilt die erkenntnis durchzusetzen, daß die zeit zur neige geht, in der museen überhaupt eine führende rolle spielen im geistesleben der nation…« um den oben genannten voraussetzungen zu entsprechen, muß er sich mit aller vehemenz nicht nur der immer wieder neuen überprüfbarkeit seines angebotes stellen, sondern auch die integration der »spielwiese kunst« in den gesell­ schaftlichen umraum bewerkstelligen. ich denke da eben nicht an die aufstellung neuer (nur gelockerter) normen, sondern an die ausbreitung von einsichten und zusammenhängen. themenausstellungen können kein vorwand sein, um unterschiedlich strukturiertes material »an den mann« zu bringen; auch technische herstellungsverfahren als ordnungsprinzip einer geistigen auseinandersetzung lassen sich nicht einmal durch platzmangel begründen. eine aneinanderreihung von bildern arbeitender menschen und ihrer produktionsstätten ohne aufschlüsselung ihrer entstehungsbedingungen geht mehrfach am freilegen von produktionsprozessen vorbei. und gerade solche wären für das museum darstellungswürdig.5 als beispiel aus der nähe, repräsentativ für ähnlich gelagerte fälle, sei auf die ausstellung »steirische arbeitswelt« in der neuen galerie am landesmuseum joanneum verwiesen (sommer 1980), die eine aneinanderreihung von grafiken aus dem 19. und (teilweise) 20. jahrhundert darstellte, ohne auch nur einen interpretationsversuch anzubieten bzw. zu deutungen anzuregen

eine einbettung in den gesellschaftlichen umraum meint aber auch die mögliche oder nicht mehr mögliche grenzziehung zwischen hochkunst und tagespolitischer kunst, meint den versuch, unterschiede zwischen avantgarde und offizieller kunst aufzudecken, unterschiedliche rezeptionsverhalten beiden richtungen gegenüber herauszuschälen.
ich glaube nicht, daß museen allein solche aufgaben lösen können, auch initiative gruppen sind dazu durchaus in der lage. seinem publikum neue möglichkeiten der auseinandersetzung an die hand zu geben. es würde aber gerade den museen nicht schlecht anstehen, wenn sie einen stellenwert im mediensystem der gegenwart beanspruchen. es kann nicht aufgabe einer bildungspolitischen einrichtung sein, die erwartungshaltung (eines kleinen teiles) des publikums zu befriedigen. konfliktsituationen, veränderungen, verflechtungen auf verschiedensten ebenen sind durch entsprechende aufbereitung sichtbar zu machen.

5
gerade den regionalmuseen kommt eine besondere aufgabe zu. leichter überschaubar als in internationalen sammlungen, liegen objekte und kontaktmöglichkeiten zum künstler selbst vor ihnen. in vielen fällen wird durch eine stärkere betroffenheit des publikums von der konkreten umgebungssituation die brücke zur auseinandersetzungsmotivation leichter zu schlagen sein: regionale untersuchungsfelder steigern den grad der betroffenheit – auf kosten des wertes französischer impressionisten oder amerikanischer pop künstler. diese anregung in richtung regionalisierung redet nicht der provinzialisierung das wort. provinziell kann letztlich auch eine frage der methode und nicht des angebotes sein.

der region verhaftet sein, heißt, sich auf die spezifische situation des gebietes beziehen, problemstellungen dort aufspüren, wo sie tatsächlich zutage treten. auf diesem gebiet bedarf es in der österreichischen museumslandschaft – faßt man den gegenwärtigen stand zusammen – eines gewaltigen umdenkens. zuviele prestigeaktionen auf der einen, inaktivität auf der anderen seite. um eine letztlich dann immer noch bescheidene stimme im internationalen konzert der kunsthäuser zu spielen, kommt es zu teuren ausstellungsübernahmen, die für die bedürfnisse des publikums manchmal nicht mehr erbringen als das zurkenntnisnehmen der kontaktfreudigkeit und des organisationsgeschickes des museumsmannes.

ich rede nicht inzestiösen wunschvorstellungen das wort, daß nur im eigenen saft gebraten werden möge. auch soll nicht behauptet werden, daß es nicht überregional relevante themenkreise gäbe: aber eben bezugspunkte sind auch im begrüßenswerten internationalen austausch zu fordern. lüneburger künstler sind in graz herzlich willkommen, für die ausstellungspraxis jedoch irrelevant, solange sie nicht ihre besondere situation als künstler des kreises lüneburg, ihre probleme künstlerischer, soziologischer oder politischer natur mitvermitteln können. und auch kunst aus new york, paris oder italien sollte als präsentationsgrund nicht ausschließlich die attraktivität von namen und landschaften aufweisen.
wenn abrufbereitschaft der kunstwerke (was nicht nur eine frage innerer organisatorischer struktur ist), bekennermut (im anbieten und aufschlüsseln von fragestellungen und z.b. auch durch die besondere pflege nicht vermarktbarer kunst) und verstärkte konzentration auf behutsam aus der umgebung herausgelöstes problembewußtsein gesichert erscheinen, vermag das museum auch heute mit der kunst zu wachsen.

Manuskript zu: muß das Museum abnehmen, damit die Kunst wächst? In:  Richard Kriesche, Peter Hoffmann, Bob Adrian X: Kunst Mikrokunst Makrokunst, Ausstellungkatalog, fak, Graz 1981
AbBILDUNGEN: ARCHIV FENZ-KORTSCHAK, MSU Zagreb, Universalmuseum Joanneum
PUBLIKATION

 

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1. zitiert nach georg heise »das museum der zukunft«, köln 1970, S. 121.S
2. duchamps auslotung des bezugsrasters museum ist nicht die einzige, aber sicherlich eine der wich­ tigsten geblieben .
3. siehe die einrichtung des »museum moderner kunst« in wien und die vehement geführte diskussion um die konstruktion einer stiftung ludwig. in diesem fall ist auch die verquickung mit dem internationalen kunstmarkt besonders augenfällig.
4. vgl. dazu heise, op. cit.: »es gilt einer viel radikaleren ansicht platz zu schaffen, als der einer reform des museumsbetriebes . es gilt die erkenntnis durchzusetzen, daß die zeit zur neige geht, in der museen überhaupt eine führende rolle spielen im geistesleben der nation…«
5. als beispiel aus der nähe, repräsentativ für ähnlich gelagerte fälle, sei auf die ausstellung »steirische arbeitswelt« in der neuen galerie am landesmuseum joanneum verwiesen (sommer 1980), die eine aneinanderreihung von grafiken aus dem 19. und (teilweise) 20. jahrhundert darstellte, ohne auch nur einen interpretationsversuch anzubieten bzw. zu deutungen anzuregen